Der Parasit Neospora (N.) caninum – (Nur) ein Hundeparasit?

Neospora caninum spielt als Verursacher von Aborten in Rinderbeständen eine ernstzunehmende Rolle. Hundekot, der irgendwie in die Kuhställe gelangt, wird immer wieder als Hauptinfektionsquelle gesehen. Diese frühere Annahme ist nicht mehr ganz richtig, weil jüngere Forschungen ergeben haben, dass in den meisten Fällen das Rind (zu 90 Prozent) bereits als Fötus im Mutterleib infiziert wird und dann ein lebenslanger Parasitenträger bleibt, der den Erreger wiederum an die Nachkommen weitergibt. Nur in 10 Prozent der Fälle haben sich Rinder übers Fressen von Hundekot-verunreinigtem Futter infiziert.

Historie

In den Siebziger Jahren wurden unbekannte Sporozoen – einzellige Parasiten, die keine „Einrichtung“ zur Fortbewegung haben – in den Gehirnen von Schafen und Pferden entdeckt, wo sie eine akute, entzündliche Erkrankung des Zentralnervensystems verursacht hatten. Im Zuge von neurologischen Ausfällen konnten die Tiere die Hinterbeine nicht koordiniert bewegen, zeigten Kreisbewegungen, aber auch Kau-und Schluckbeschwerden.

1984 wurde in Norwegen ein parasitärer Erreger bei mehrwöchigen Hundewelpen aus dem Gehirn isoliert, der sich trotz gewisser Ähnlichkeiten von dem bereits bekannten Parasiten Toxoplasma gondii unterschied.

Ende der achtziger Jahre wurde in den Vereinigten Staaten im Gehirn eines Hundes ein bis dato unbekannter Parasit beschrieben und Neospora (N.) caninum genannt.

Wenige Jahre später wurde derselbe Parasit auch beim Rind nachgewiesen und ein Zusammenhang zwischen Fehlgeburten (Aborten) beim Rind und dem Parasiten hergestellt.  Damit galt der Parasit als einer der sogenannten Aborterreger beim Rind.

Ende der Neunziger Jahre wurde N. caninum im Darm von Hunden nachgewiesen, denen man im Rahmen eines Tierversuches „verdächtiges“ Gewebe, z.B. die Nachgeburten von Rindern, verfüttert hatte.

Der „Kampf“ der Bauern gegen Hundekot auf Wiesen- und Weideflächen war eröffnet.

Einleitung

In der öffentlichen Diskussion zur Vermeidung der Einschleppung dieses Parasiten in Rinderbestände hatte bislang immer das Fernhalten von Hunden, vor allem Stadthunden, von Wiesen und Weiden, die als Futterflächen für Rinder gelten, die herausragende Rolle gespielt. Tatsächlich scheint es aber so zu sein, dass Hofhunde der Rinderbetriebe ein größeres Risiko als Stadthunde darstellen.  Neuere Arbeiten relativieren jedoch die Rolle des Hundes als Hauptinfektionsauslöser.

In der Literatur wird aber auch über die Rolle des Fuchses als möglichem Überträger spekuliert, denn auch von Wildwiederkäuern als Träger von Parasitenstadien unter fleischhygienischen Aspekten wird von verschiedenen Autoren berichtet. Ein „Wildtierzyklus“ und die Rolle des Fuchses als möglichem Überträger sind bis dato nicht bewiesen. In dem Zusammenhang sollten aber Mäuse als potentielle Zwischenwirte und Hauptnahrungsquelle von Füchsen in Untersuchungen miteinbezogen werden.

Der Erreger

Der Parasit Neospora (N.) caninum ist erst vor knapp 40 Jahren entdeckt worden. Inzwischen geht man von einer weltweiten Verbreitung aus. Er gehört zu den allerkleinsten einzelligen Gewebeparasiten und ist nur im Mikroskop sichtbar.

Dieser einzellige Parasit (Protozoon bzw. Protozoe) hat im Zusammenhang mit dem Abortieren, d.h. Verwerfen („Fehlgeburt“) beim Rind und der Frühsterblichkeit bei Kälbern weltweite „Berühmtheit“ erlangt. Die Ursache für das Geschehen im Rinderbereich wird in Verbindung mit Hundekot-verschmutztem Viehfutter gebracht. Gelangt der Parasit über das so kontaminierte Futter in einen Bestand, können viele Tiere in kurzer Zeit Verwerfen und ihre Feten abortieren oder die Infektion an die noch ungeborenen Kälber weiterreichen, die dann als „Parasitenträger“ geboren werden.

Der Lebenszyklus von N. caninum ist komplex und umfasst Stadien im Zwischenwirt und im Endwirt.

Als Endwirt und Überträger fungieren Fleischfresser (Hundeartige), die über ihren Kot Parasiteneier ausscheiden.

Das Zwischenwirtsspektrum von N. caninum ist sehr breit. Verschiedene Wildwiederkäuer (Rothirsch, Reh, Gams), Kleinsäuger und Kaninchen sowie Nutztiere (Rinder, Büffel, Schafe, Ziegen, Pferde u.a.) sind als Zwischenwirte bekannt. Diese infizieren sich durch die Aufnahme von mit Parasiteneiern kontaminiertem Futter. (sog. horizontaler Infektionsweg). Die Folge davon sind Aborte oder auch die Geburt von vermeintlich gesunden bis lebensschwachen, jedoch lebenslang infizierten Jungtieren (sog. vertikaler Infektionsweg).

Der Parasit Neospora ist eng mit Toxoplasma gondii verwandt, aber im Gegensatz zu diesem nach derzeitigem Wissensstand nicht auf den Menschen übertragbar. Toxoplasma gondii als Erreger der Toxoplasmose (eine Zoonose) ist ein weltweit vorkommender, gefürchteter Parasit, der von Schweinen, Vögeln und Katzen auf den Menschen übertragen werden und v.a. bei immunsupprimierten Personen und in der Schwangerschaft beim Ungeborenen zu schweren Organschädigungen führen kann.

Entwicklungszyklus

Der Hund ist Endwirt „Nummer Eins“ für den Erreger N. caninum, jedoch meist ohne klinisch sichtbare Symptome, er kann aber wie das Rind auch Zwischenwirt sein und an einer N. caninum-Infektion selbst erkranken und eine schwere neuromuskuläre Symptomatik zeigen.

Endwirt

Endwirte, wie z.B. sämtliche Hundeartigen, beherbergen den Parasiten im Darm, wo sich dieser geschlechtlich vermehrt, wobei dann sogenannte Dauerstadien (Oozysten) bis zu drei Wochen über den Kot ausgeschieden werden können. Diese ausgeschiedenen Parasiten-Eier verbleiben in der Umwelt einige Tage und reifen zu infektiösen Stadien heran, wobei sie sich als äußerst widerstandsfähig erweisen. Im Futter oder Wasser können sie Wochen bis Monate überleben.

Ihre Infektiosität erreichen die Eistadien selten bereits im Darm des Endwirtes.

Zwischenwirt

Empfängliche Zwischenwirte infizieren sich über die Aufnahme dieser gereiften Oozysten über damit kontaminiertes Futter oder Wasser.

Es findet keine Vermehrung und Ausscheidung des Parasiten bzw. seiner Stadien statt, sondern die Parasiten gehen in ein „Ruhestadium“ über, wobei es zur Bildung von sogenannten Gewebezysten, zumeist in der Muskulatur kommt. In der Regel sind die Parasiten im Ruhestadium nicht gefährlich, da sie in Warteposition in einer Zyste  abgekapselt verharren, sie können aber aktiviert werden, z.B. wenn das Wirts-Immunsystem „schwächelt“. Dann entstehen durch Teilung viele parasitäre Stadien und können Organsysteme wie Gehirn und Rückenmark, Herz, Lunge, Leber, Muskulatur, Haut, Plazenta und die Leibesfrucht umgebenden Hüllen befallen.

Endwirt

Der Hund infiziert sich wiederum durch die Aufnahme dieser Zysten aus rohem „Zwischenwirtfleisch“, deren Eingeweiden, über Abort- oder Nachgeburtsmaterial, und schließt somit den Infektionszyklus.

Übertragungsmöglichkeiten

Haben Hunde Zugang zu Abort- und Nachgeburtsmaterial oder abortierten Leibesfrüchten infizierter Tiere, z.B. im Stall oder auf dem Misthaufen, und fressen diese(s)- gleichzeitig erledigen sie ihr „Geschäft“ auf einer Futterwiese (eventuell sogar auf dem Futtertisch)- kann der Parasit übertragen werden. Ein infiziertes Trägertier scheidet bei der Geburt Unmengen des Parasiten z.B. über die Nachgeburt aus, die dann u.U. vom Hofhund  wieder aufgenommen wird.

Hunde müssen sich erst selbst infizieren, um andere Tierarten, z.B. das Rind, über die ausgeschiedenen Eier infizieren zu können.

Eine weitere Infektionsquelle besteht für Hunde in der Verfütterung von rohem (und parasitenbelastetem) Fleisch der Zwischenwirte. Hunde mit reiner Dosenfütterung spielen in dem Infektionsgeschehen keine Rolle.

Eine weitere Möglichkeit der Erregereinschleppung in den Rinderbestand ist der Zukauf von infizierten weiblichen Rindern, welche die Infektion an ihre Nachkommen  weitergeben.

Die Infektion wird im Leib des Muttertieres auf die Frucht (intrauterine Infektion) übertragen. Infizierte Kühe gebären in 95 % der Fälle auch infizierte Kälber, wobei die Übertragung auf die Nachkommen mit zunehmender Anzahl der Trächtigkeiten aufgrund einer verbesserten Immunität zurückzugehen scheint. In den meisten Fällen führt die Infektion des ungeborenen Kalbes in der Gebärmutter nicht zu einer Fehlgeburt, sondern zur Geburt lebenslang infizierter, aber gesund erscheinender Kälber. Bei diesen chronisch infizierten Kälbern ist das Risiko einer Fehlgeburt und einer frühen Kälbersterblichkeit  dann, wenn sie selbst reproduzieren, vielfach erhöht.

Eine Übertragung von Kuh zu Kuh kommt nicht vor. Positive Kühe stellen danach kein großes Infektionsrisiko für andere Kühe dar.

Eine Übertragung auf den Menschen ist derzeit nicht bekannt und auch noch nicht nachgewiesen worden

Abbildung:  Entwicklungszyklus von N. caninum (modifiziert nach LÖSCHENBERGER et al., 2000)

Auswirkungen

Betroffene Rinder bleiben lebenslang infiziert und bilden Antikörper gegen N. caninum, die im Labor nachgewiesen werden können. Für Kühe mit nachweisbaren Antikörpern gegen N. caninum  ist das Risiko einer Totgeburt bzw. eines Abortus (am häufigsten im 5. und 6. Trächtigkeitsmonat) oder der Tod des Kalbes innerhalb von 24 Stunden um ein Vielfaches erhöht im Vergleich zu Tieren ohne nachweisbare Antikörper. Die Fruchtbarkeit infizierter Rinder ist dabei nicht beeinträchtigt.

In den betroffenen rinderhaltenden Betrieben sind in der Regel nur  einzelne bzw. wenige Tiere betroffen. Ein Neueintrag des Erregers in eine Herde ohne Immunschutz könnte allerdings auch ein seuchenhaftes Auftreten von Fehlgeburten zur Folge haben.

Die durch die Infektion verursachten Aborte finden das ganze Jahr über statt. Mildes und feuchtes Klima scheint aber die Überlebensmöglichkeiten der infektiösen Stadien in der Umwelt zu begünstigen.

Allerdings kann auf einen Abort durchaus die Geburt eines lebensfähigen Kalbes erfolgen, welches dann jedoch mit hoher Wahrscheinlichkeit ebenfalls infiziert ist.

Die Neosporose – Symptome der „Krankheit“

Die Wirts-Parasit-Beziehung hängt stets von der Immunlage des Wirtes ab. Das Immunsystem des Wirtes „reagiert“ auf die Parasiten und „entscheidet“ darüber, ob eine Infektion stattfindet, der Parasit überlebt oder eliminiert wird.

Nachdem sich der Parasit in verschiedenen Geweben beim Rind festgesetzt hat, produziert das Tier Abwehrstoffe („Antikörper“), welche den festgesetzten Erreger jedoch nicht abzutöten vermögen („lebenslanger Träger“).

Wird ein „Trägertier“ trächtig, gelangen die Neosporen über das Blut in die Gebärmutter und infizieren den Fötus. Bei Infektion des Fötus kommt es durchschnittlich in 15 Prozent der Fälle zum Verwerfen. Kälber, die die Infektion überleben und lebendig und „lebensstark“ geboren werden, sind lebenslange Parasitenträger. Infizierte Kälber zeigen selten die für diese Krankheit typischen Symptome.

Hunde zeigen ebenfalls äußerst selten Symptome einer Infektion.

Wenn Tiere allerdings krank werden, dann sind allgemeine Ausfallserscheinungen im Bewegungsablauf, wie Schwierigkeiten beim Aufstehen (meist sind Hinterläufe betroffen), einhergehend mit Stolpern und Zittern (die „Kraft“ in den Extremitäten fehlt), typisch für eine manifestierte Neospora-Infektion.

Das klinische Bild der Neosporose kann sich zudem äußern in Entzündungen von Lunge und Gehirn, von Leber und Bauchspeicheldrüse, des Herzmuskels, wobei neurologische Ausfälle dazukommen.

Diagnose

Der serologische Nachweis von N. caninum-Antikörpern in der Rinder- Blutprobe ist der einfachste. Auf diese Art positiv getestete Tiere werden auch im Fall von Nachtestungen positiv sein, da man heute davon ausgeht, dass die Infektion, einmal erworben, lebenslang anhält.

Allerdings beweist eine positive Blutuntersuchung nicht, dass ein Abort auch durch N. caninum verursacht wurde, da weitere gefürchtete Aborterreger in der Tierseuchenforschung relevant sind und Aborte verursachen können.

Der direkte Erregernachweis, z.B. mittels PCR, ist über die abortierte Frucht oder Fruchthülle möglich.

Therapie/Vorsorge

Es gibt keine Behandlung von mit dem Parasiten N. caninum infizierten Rindern. In Deutschland ist derzeit noch kein Impfstoff zugelassen. Da die Neosporose zu den weltweit häufigsten Abortursachen gehört, wird eine intensive Forschung betrieben.

Bei ungeklärten Fehlgeburten in Rinderhaltungen sollte serologisch immer auch auf N. caninum untersucht werden. Die nicht zu verhindernde Ansteckung vom Muttertier auf den Fötus ist nach heutigem Erkenntnisstand weitaus ernster und häufiger anzunehmen, als die Ansteckung über mit Hundekot verunreinigtes Futter. Serologisch positive Tiere (mit Antikörpernachweis) sollten deshalb von der Zucht ganz ausgeschlossen werden.

Präventiv sollten Hunde, insbesondere Hofhunde, vom Stall und dem Futtertisch fern gehalten werden. Um die Gefahr einer „Infektion“ beim Hund zu verringern, sollte auf die Verfütterung von rohem Gewebe-oder Muskelfleisch verzichtet werden. Für Hofhunde gilt: Kein Verfüttern von Abort-, Geburts- und Schlachtabfällen. Ebenso sollte der Hund weitere Zwischenwirte, wie z.B. Mäuse, nicht fressen.

Vor einem Zukauf von Zuchtrindern ist eine serologische Untersuchung auch auf N. caninum anzuraten.

In einem der menschlichen Ernährung dienenden Nutztierbestand ist die vordringliche Schlachtung serologisch positiver Tiere als Mittel der Wahl anzusehen. Nur so ist eine Eindämmung und Unterbrechung der ständigen Weitergabe des Parasiten von einer befallenen Kuh an ihre Kälber zu erwarten.

Ergänzende Maßnahmen, wie eine zuverlässige Entsorgung von Gebärmuttern/Nachgeburten/Schlachtabfällen sowie das Tränken mit sauberem Wasser und Verfüttern von einwandfreiem Futter, erscheinen jedoch ebenso wichtig.

Zuchthündinnen sollten vor der Wurfplanung ebenso wie Zuchtrinder auf das Vorhandensein von Antikörpern getestet werden.

Vorkommen in Süddeutschland

Routineuntersuchungen für Nordbayern am LGL Erlangen ergaben in 6,8% der serologisch untersuchten Proben ein positives Ergebnis, d.h. die Tiere wiesen Antikörper auf. 22,3% der beprobten Betriebe hatten infizierte Tiere in der Herde. Weitere gezielte Untersuchungen zur Häufigkeit für Bayern sind geplant.

In Baden-Württemberg wurden in den vergangenen Jahren regelmäßig Blutproben rinderhaltender Betriebe, bei denen Fehlgeburten aufgetreten waren, auf Antikörper gegen N. caninum untersucht. Dabei zeigte sich, dass fast 11 % der untersuchten Serumproben Antikörper gegen N. caninum aufwiesen, wobei hier 40 % der beprobten Betriebe betroffen waren.

Epidemiologische Studien in Belgien und in England haben ergeben, dass rund 12 % der Rinderaborte N. caninum zugerechnet werden können, in der Schweiz sind es mehr als 25 %.

Welche Gefahren gehen aber nun von Hundekot auf Weiden aus?

Das Friedrich-Loeffler-Institut (FLI) hat ermittelt, dass erst ab einem regelmäßigen Aufenthalt von Hunden zum Kotabsatz während der Weidesaison ein geringes Abortrisiko bei Rindern, die mit dem Mähgut gefüttert werden, besteht.

Aufgrund der in den Rinderhaltungsregionen der BRD bekannten Hundedichten wird davon ausgegangen, dass derartige Begehungsintensitäten durch Hunde auf Grünlandarealen in der Regel nicht erreicht werden.

Außerdem haben Studien ergeben, dass die Anzahl bereits infektiöser Eistadien im Hundekot nicht hoch ist und für die Infektion eines Rindes in der Regel nicht ausreicht.

Als sinnvolle und wirksame Präventionsmaßnahmen zur Vermeidung von Abortgeschehen in Rinderbeständen werden die Unterbindung des Zugang von Hofhunden zum Stall und den Futterlagerplätzen, der Unterlassung der Verfütterung von rohem Fleisch, die Verhinderung der Verschmutzung von Rinderfutter sowie die Vermeidung des Zukaufs infizierter Rinder angesehen.  Eine konsequente Unterbindung des Zugangs von Hunden auf Gründlandflächen ist nicht notwendig, stellt das LGL fest.