Bayerischer Jagdverband e.V. - staatlich anerkannter Naturschutzverband

Männer des Horns

Dr. Reinhard Proske

Da, wo nicht ein einzelner Jäger still auf die Jagd geht, sondern wo mehrere Jäger in Gesellschaft jagen, ist die Verständigung untereinander – auch über große Strecken unumgänglich. Seit Urzeiten wird dazu das in der Natur weitklingende Horn von den Jägern benutzt. Zunächst in der Form eines naturbelassenen Tierhorns, später als aufwendig geschmückte und mit filigranen Schnitzereien versehene Olifanten – aus dem Stoßzahn eines Elefanten geschnitzt – und in der weiteren Entwicklung durch vom Menschen hergestellte Hörner aus Metall ersetzt.

Diese boten dem Menschen einen weiten Gestaltungsspielraum insbesondere was die Länge und Form betrifft und so entwickelte sich aus dem eintönigen Naturhorn das vom Menschen geschaffene Metallhorn mit seinen – je nach Länge – verschiedenen Stimmungen und Naturtönen. Das Zeitalter der Jagdmusik hatte begonnen. Viele Männer - Jäger und Nichtjäger – haben dazu beigetragen. (Jagd war bis vor kurzem eine Domäne der Männer, auch wenn die antike Jagdgöttin Artemis/Diana eine Frau war). Einige dieser Männer sollen im Folgenden in ihrer Beziehung zum Jagdhorn in chronologischer Reihenfolge vorgestellt werden.

Die Auswahl dieser Personen ist rein willkürlich. Sicher gibt es noch viel mehr Personen – auch über das 19. Jahrhundert hinaus, mit dem meine Reihe endet – aber das würde den Rahmen dieses Beitrags sprengen.

 

Gaston III Phoebus Comte de Foix, Vicomte de Bearn, 1331 – 1391

Gaston III, genannt „Phoebus“ nach seinen blonden Haaren, war Graf von Foix. Seine Herrschaft lag im Südwesten Frankreichs, in der Gascogne. Er war ein großer Jäger und ein sehr streitbarer Herr. Jagd war für ihn die körperliche Ertüchtigung und Vorbereitung auf den Kriegsdienst. Viele Händel mit den benachbarten Herren waren für ihn alltäglich. Als es in seiner Region einmal ruhig wurde und keine feudalen Fehden anstanden, zog er mit seiner Truppe sogar in den hohen Norden, um dem Deutschen Orden bei der Bekehrung der Pruzzen beizustehen. Seine Abenteuerlust trieb ihn noch weiter bis nach Skandinavien, wo er – sicherlich als erster Südfranzose – das Ren kennenlernte, das er später in seinem Buch ausführlich beschrieb.

Dieses Buch, - Le Livre de la Chasse - welches Gaston Phoebus in der Zeit zwischen 1387 und 1389 schrieb, ist das Jagdbuch des Mittelalters schlechthin, ausgestattet mit wunderbaren Malereien der besten damals verfügbaren Buchmaler.

Neben der Beschreibung der Tierarten und ihrer Lebensumstände, der Hunde und ihrer Haltung und der verschiedenen Jagdarten – wobei die Parforcejagd den weitesten Raum einnimmt – widmet er sich in diesem Zusammenhang auch dem Horn und seinen Signalen. Eines der schönsten Bilder in seinem Buch zeigt ihn – erhöht sitzend – wie er Jagdknechten das Signalblasen und –rufen lehrt und es ihnen anhand der Jagdsituationen erläutert.

Quelle aller Bilder, soweit nicht anders angegeben: Internet und Wikipedia

Für viele dieser bei der Jagd auftretenden Umstände – das Rufen der Hunde, die Aufnahme der Fährte, das Wild kommt in Sicht, das Halali – gibt er eine spezifische Tonfolge, ein Jagdsignal an, das die Jagdknechte und die Jäger selbst beherrschen müssen.

Ein Beispiel sei hier zitiert:

„ Wenn Du Jagd vorbei blasen willst, das ist, wenn die

Jagd beendet ist und die Hunde, die mitten im Wald

sind, wo sie einer nach dem anderen bellend nicht

mehr jagen, dann blase in dieser Weise, um sie zu Dir

zu holen: ein langes Signal, dann vier sehr kurze Signale

und dann ein langes Signal und vier sehr kurze.“

Damit liegt zum ersten Mal in der Jagdgeschichte eine den Jagdumständen (circonstances) zugeordnete Sammlung von Naturhorn-Jagdsignalen vor, wie sie im Mittelalter in Frankreich und ähnlich sicherlich auch darüber hinaus geblasen wurden.

Reichsgraf Franz Anton von Sporck, 1662 – 1738

Ein großer Zeit- und Raumsprung führt uns in das 17./18. Jahrhundert nach Böhmen. Der Vater von Reichsgraf Franz Anton von Sporck war noch als Bauernsohn in Niedersachsen geboren, hatte im 30-jährigen Krieg als General des Kaisers Karriere gemacht, war zum Reichsgrafen erhoben und mit Latifundien in Böhmen belohnt worden. Sein Sohn Franz Anton, mit dem wir uns hier beschäftigen wollen, zeigte aber schon das typische Verhalten reicher junger Adliger. So ging er zweimal in den Jahren 1680 -1683 auf die Kavalierstour durch Europa, um die verschiedenen Königs- und Fürstenhöfe zu besuchen. Bei seinem Aufenthalt am französischen Hof in Versailles – es herrschte Ludwig XIV, der „roi soleil“ - lernte er die höfische Jagdmusik auf großwindigen, aus Metall gefertigten Hörnern kennen, wie sie bei der Parforcejagd dort im Gebrauch waren.

Von dem Klang und der Musik dieser Hörner, die nicht nur bei der Jagd, sondern auch bereits in Opern von Jean Baptist Lully erklangen, begeistert, sandte er nach seiner Rückkehr nach Böhmen gleich zwei Musiker seiner Hofkapelle, die Jägerburschen Peter Röllig und Wenzel Svejda, nach Frankreich, um das Blasen dieser Hörner zu erlernen. Zurückgekehrt führten sie die Hörner in die Hofmusik und in das Heilige Römische Reich Deutscher Nation ein. Diese Hörner waren jedoch für die Jagd bestimmt, sie sollten einen hellen, aggressiven und weittragenden Ton für die Verständigung bei der Jagd über große Strecken geben. Dazu waren sie in „D“ gestimmt und relativ eng mensuriert.

In der barocken Orchestermusik liebte man aber eher weichere Töne und so änderten Instrumentenbauer in Wien (die Gebrüder Leichamschneider) und Nürnberg (Ehe) die Stimmung einen halben Ton tiefer auf „ES“ und erweiterten die Mensurierung.

Franz Anton von Sporck war ein reger, freier Geist und so blieb es nicht aus, dass er in Böhmen in der damaligen Zeit Schwierigkeiten mit den Jesuiten bekam, die sogar seine Bibliothek beschlagnahmten und verbrannten. Er wich dieser Gewalt aus und ging in das liberale Leipzig, wo er Johann Sebastian Bach traf und diesen mit dem von ihm aus Frankreich mitgebrachten Horn bekanntmachte.

Und wenn in der Bach´schen Jagdkantate „Was mir behagt ist nur die muntre Jagd“ und im 1. Satz des Brandenburgischen Konzerts No. 1 das Horn erklingt, dann ist das auch das Werk von Franz Anton von Sporck.

Marc Antoine de Dampierre als Chevalier de Chasse am Hofe Ludwig XV.

Marc Antoine Hyazinth Marquis de Dampierre, 1676 – 1756

Marc Antoine de Dampierre war ein verarmter Adliger aus der Picardie nordwestlich von Paris, der zunächst bei verschiedenen Fürsten in Frankreich als „Gentilhomme de Chasse“ in Dienst war. Später wurde Ludwig XV auf ihn aufmerksam und nahm ihn als „Chevalier de Chasse et de Plaisir“ in seinen Dienst und an seinen Hof in Versailles. Hier begann die große Zeit des Marquis de Dampierre als Jäger und Jagdhornbläser. Er wurde ein Meister dieses Instrumentes und komponierte selbst viele Fanfaren und Fantasien, von denen 16 bis heute überliefert sind und noch immer geblasen werden.

Damals sagte man am Hofe in Versailles: „ Wenn Dampierre bläst, dann weint der ganze Hof.“ In der Tradition von Jean Baptiste Lully hat auch Jean Philipp Rameau am Hofe Ludwig XV in seinen lyrischen und heroischen Opern und Ballettmusiken dieses Horn weiterverwendet.

Dampierre hat mit seiner Arbeit wesentlich zur musikalischen Entwicklung des Jagdhorns – jetzt in Frankreich „trompe de chasse“ genannt – wie auch zur Entwicklung der äußeren Form beigetragen. War die „trompe de chasse“ in Stimmung „D“ mit einer Länge von 4,545 m zu Beginn seiner Zeit noch einwindig mit einem Durchmesser von 73 cm – genannt „La Dampierre“ -, so wurde es im Jahre 1729 zweiwindig mit einem Durchmesser von 55 cm und „La Dauphine“ genannt, weil in diesem Jahr der Dauphin geboren wurde.

Später, etwa Anfang des 19. Jahrhunderts wurde die dreiwindige Version entwickelt, genannt „La Orleans“ mit einem Durchmesser von 45 cm. Diese Entwicklung war auch bestimmt von der Entwicklung der Kopfbedeckung der Jagdreiter, denn das Horn musste ja problemlos – auch während des scharfen Reitens während der Parforcejagd – über den Hut gehoben werden können. Die untere Abbildung zeigt verschiedene Hörner und die Entwicklung des Parforcehorndurchmessers in Abhängigkeit von der Kopfbedeckung – Dreispitz in der Mitte, Zweispitz rechts, Kappe links.

Joseph Haydn als Kapellmeister der Fürsten Esterhazy

Joseph Haydn, 1732 – 1809

Joseph Haydn war die meiste Zeit seines Lebens Kapellmeister bei den Fürsten Esterhazy. Mit ihnen lebte er auf den esterhazischen Schlössern in Eisenberg/Österreich und Esterhaza/Ungarn. Er selbst hatte neben seiner Profession und Begeisterung für die Musik noch eine weitere Passion: das Jagen und das Fischen. Der kursächsische Gesandte im Wien der damaligen Zeit, G. A. Griesinger berichtet:

„ Die Jagd und der Fischfang waren Haydns Lieblingserholungen

während seines Aufenthaltes in Ungarn, und er konnte es nicht

vergessen, daß er einst mit einem Schuß drei Haselhühner erlegt hatte.“

Nun war es die Aufgabe aller Komponisten höfischer Musik, das Leben und die Welt ihrer adligen Auftraggeber in ihrer Musik einzufangen. Zu diesem Leben gehörte an prominenter Stelle die Jagd. Und so hat auch Haydn die höfische Jagd in seiner Musik dargestellt und zum Klingen gebracht. Es sei hier nur an seine 31. Symphonie „mit dem Hornsignal“ oder an die 71. Symphonie „La Chasse“ erinnert.

Horn der Esterhazischen Hofkapelle mit Aufsetzbogen
Rendezvous zur Esterhazischen Jagd mit den Bläsern der Hofkapelle im Hintergrund, Quelle beide Bilder: „Fürstliches Halali – Jagd am Hofe Esterhazy“ Prestel-Verlag 2008

Besonders in seinem Oratorium „Die Jahreszeiten“ hat Haydn unter dem Herbst die Stimmung einer solchen Jagd – neben dem frohen Gesang der Bauern bei der Ernte und der Freude der Winzer bei der Weinlese – eingefangen indem er den Ablauf der Parforcejagd musikalisch mit den von den Hörnern vorgetragenen Jagdsignalen detailliert beschreibt.

Sein Librettist, Gottfried van Swieten dichtet dazu:

„Hört, hört das laute Getön, das dort im Wald erklinget:

es ist der gellenden Hörner Schall, der gierigen Hunde Gebell“


Fürst Hans Heinrich von Pless auf der Jagd und das nach ihm benannte Fürst Pless-Horn

Hans Heinrich XI, Fürst Pless, 1833 – 1907

Hans Heinrich XI, Graf von Hochberg, Fürst von Pless, Freiherr von Fürstenstein war preußischer General und schlesischer Montanindustrieller. Lange Zeit war er Mitglied zunächst des Preußischen Herrenhauses, später des Reichstags und des Preußischen Staatsrates.

In diese Zeit fiel auch die Entwicklung des nach ihm benannten Fürst Pless Horns in der Stimmung „B“. Dieses Horn war zunächst ein militärisches Signalhorn. Nach dem deutsch-französischen Krieg 1870/71 nahmen viele im preußischen Heer dienende Förster und Jäger dieses Horn mit in ihr ziviles Berufsleben ebenso wie die vielen militärischen Signale, aus denen mit der Zeit Jagdsignale, die sogenannten „Leitsignale“ wurden.

Fürst Pless hat diese Entwicklung wesentlich beeinflusst. So wurde dieses Horn seit etwa 1870 bei Franz Hirschberg in Breslau unter der Schutzmarke des Fürsten gebaut und bekam von daher seinen Namen. Schon 1878 hatte der Plesser Buchhändler J. Rosner ein kleines Büchlein mit Jagdsignalen herausgegeben, das auf dem maßgeblichen Einfluss von Fürst Pless zurückgeht. Noch heute blasen die jagdlichen Bläser in den deutschsprachigen Ländern diese Signale auf dem Fürst Pless Horn.


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