Bayerischer Jagdverband e.V. - staatlich anerkannter Naturschutzverband

Von der Eiszeit bis zur Moderne: Jagdmusik - ein zeitloses Kulturgut

Bild: Privataufnahme Dr. W. Förtsch

Prof. Josef Zilch

Wenn man die Zusammenhänge der beiden Begriffe Musik und Jagd in ihrer Grundbedeutung erfassen und verstehen will, muss man bis in graue Urzeiten menschlicher Existenz zurückforschen, in eine Zeit, in der die Jagd schlichtweg Lebensgrundlage war. Man verständigte sich auf der Jagd, die wohl von mehreren Jägern ausgeübt wurde, mit Zwischenrufen. Diese bestanden aus mehreren Silben. In der Mittelhochdeutschen Dichtung finden sich derartige „Jagdrufe“ (J. Pöschl meint, dass das „Horrido“ aus dem Alt- bzw. Mittelhochdeutschen „Ho-Rüd-ho!“ entstanden ist).

Die menschliche Stimme bediente sich also schon weit vor den Instrumenten, die nur eintönige Laute von sich gaben, verschiedener Intervalle. Frühe Kunde von Knochenflöten aus der Eiszeit beweisen die Verwendung von so genannten Instrumenten zur Jagdausübung. Auch bei den Etruskern fand man Arten von Flöten, die zur Jagd benutzt wurden. Zur Fertigung solcher Instrumente dienten die Hörner von Gazellen oder Springböcken. Auch ausgehöhlte Mammutzähne fanden zur Signalgebung Verwendung. In diesen instrumentalen Anfängen aber ist der Begriff Jagdmusik, wie er in historischem Zusammenhang gebraucht wird, noch irrelevant.

Die Griechen und die Römer verwendeten Jagdmusiken im Zusammenhang mit kultischen Handlungen. Einen Nachweis für die jagdliche Verwendung gibt es aber noch nicht.

Französische Wissenschaftler fanden heraus, dass sich die Verwendung verschiedenster Jagdsignale bis zum Ende des 13. Jahrhunderts nachweisen lassen. Auch verschiedene Lehrbücher bestätigen dies. Im 16. Jahrhundert finden sich schon Jagdsignale wie „Aufbruch zur Jagd“, „Aufschrecken des Wildes“, „Sicht“, „Falsche Spur“, „Fröhliche Jagd“, „Wild tot“ und auch „Jäger verirrt“, was wiederum auf die gewaltigen Jagdflächen Schlüsse ziehen lässt.

Die Fortentwicklung des Jagdhorns eröffnete allmählich einen breiteren Tonumfang, der durch Grifflöcher und -klappen bald die gesamte Tonskala erreichte.

Zum Ende des 17. Jahrhunderts wurde dann das „Hiefhorn“ (im Sprachgebrauch und in der Dichtung oftmals als Hifthorn bezeichnet) durch das gewundene Jagd- und Waldhorn aus Metall verdrängt. Auch das große Parforcehorn kam mit dieser Jagdart aus Frankreich nach Deutschland. Die Jagdmusik, die in der Barockzeit mehr als „Unterhaltungsmusik“ zu jagdlichen Festen praktiziert wurde, erlebte aber durch diese höfischen Festlichkeiten eine völlig neue Bedeutung, um nicht zu sagen einen Höhepunkt. Hier seien aus der Vielzahl hochkarätiger Kompositionen nur die Ouvertürensuits „La Chasse“ von G. H. Telemann, A. Vivaldis jagdliche Musik aus den „Vier Jahreszeiten“ oder J. S. Bachs Kantate „Was mir behagt ist nur die muntre Jagd“ genannt.

Ganz „tonmalerisch“ lässt es Leopold Mozart in seiner „Jagd-Sinfonie“ mit Gewehrschüssen krachen, um eine vorbeiziehende Jagd erleben zu lassen. Auch in der Wiener Klassik finden sich großartige Schöpfungen, die das jagdliche Geschehen darstellen, etwa in J. Haydens Sinfonien „La Chasse“ oder „Mit dem Hornsignal auf dem Anstand“ sowie in seinem Oratorium „Die Jahreszeiten“. In vollendeter Form aber auch in den „Hornkonzerten“ von W. A. Mozart. In der Romantik finden sich Jagdmusiken in nahezu allen musikalischen Formen, in der Oper, im Kunstlied, in der Sinfonischen Dichtung, ja sogar in den großen Symphonien: Anton Bruckners „Vierte“, „Der Freischütz“, „Wilhelm Tell“, sowie in Liedkompositionen von Brahms, Hugo Wolf, Carl Loew, Franz Schubert und viele mehr.

In der spätromantischen Phase, als Transfer zur Musik der neueren Zeit, setzt Cesar Franck mit seiner Sinfonischen Dichtung „Chasseur maudit“ ein deutliches Signal für die Einbeziehung jagdlicher Melodik in die erweiterte Harmonik dieser Übergangsphase in die Neue Musik. Die scheinbare Diskrepanz zwischen traditioneller und Neuer Musik, die de facto wohl existiert, haben Komponisten der Gegenwart eher motiviert als schockiert, auf die Jagd bezogene Musik in ihren Werken am Leben zu erhalten, ja sogar substantiell zu verwerten.

Das dritte der sechs Quartette für vier Hörner ist mit „La Chasse“ betitelt. Jagdszenen finden sich auch im „Wozzek“ von Alban Berg in dem Strophenlied „Das ist die schöne Jägerei“. Sogar Werner Henze widmet in seiner Oper „König Hirsch“ eine Szene der Jagd. Musik zur Jagd, wo und wann immer auch entstanden, ist also ein fester Bestandteil unseres Kulturgutes Musik in einer gewaltigen historischen Entwicklung geworden. Sie hat alle Strömungen durch die Jahrhunderte der Menschheitsgeschichte überdauert und wird auch in der Zukunft nicht nur den Jäger, sondern alle Menschen, die sich der Natur verbunden fühlen, Freude und Genugtuung bereiten.


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