28.02.2012

„Risikoatlas für Wildunfälle“ fehlt der Praxisbezug

BJV: Jäger sind die ersten, die Wildunfälle verhindern wollen – So genannter „Risikoatlas“ zu Wildunfällen der LMU klammert entscheidende Faktoren wie steigende Pkw-Zulassungszahlen, erhöhte Störung durch Tourismus und Zersiedelung der Landschaften komplett aus


Wissenschaftler der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) haben „eine Art Risikoatlas für Wildunfälle“ in Bayern vorgelegt. Grundlage dafür sind Klimadaten, Landnutzungsgewohnheiten, Verbiss-Prozente und polizeilich registrierte Wildunfälle. Bei der Auswertung dieser Parameter glaubt LMU-Statistiker Torsten Hothorn eine enge Korrelation zwischen der Zahl der Wildunfälle, der Wilddichte und dem Waldverbiss zu erkennen (siehe Presseinformation der LMU vom 23. Februar 2012). Die wichtigsten Faktoren aber werden dabei komplett ausgeklammert.

Hothorn kommt in seiner statistischen Interpretation zu dem Ergebnis, dass die wenigsten Unfälle im südlichen Teil Unterfrankens passieren. Ausgerechnet dort, wo nach Angaben der Ämter für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten im Gutachten von 2009 der höchste Verbiss festgestellt wurde. Somit kann dieses System nach Meinung des Bayerischen Jagdverbands (BJV) keine flächendeckend belastbaren Informationen liefern. Laut Studie, auf die Prof. Hothorn sich bezieht, ging der größte Einfluss auf die Zahl der Wildunfälle vom Klima aus, gefolgt von der land- und forstwirtschaftlichen Nutzung. Der Wildverbiss zeigte laut Originalstudie den geringsten Einfluss. Jetzt in der Öffentlichkeit den Wildverbiss in den Mittelpunkt zu rücken ist kühn und entspricht nur teilweise den Ergebnissen. Eine große Rolle spielt der Zustand des Waldes: Je durchmischter die Waldbestände sind, desto geringer ist das Unfallrisiko, heißt es in der Studie.

Für Wildunfälle in unserer Kulturlandschaft gibt es, so der Bayerische Jagdverband, die verschiedensten Gründe. Zu Wildunfällen kommt es, weil der Lebensraum der Wildtiere laufend kleiner wird und Störungen ständig zunehmen. Straßen zerschneiden ihre Lebensräume und die Versiegelung von Freiflächen greift täglich weiter um sich. Eindrucksvoll wird dies dadurch untermauert, dass der erste Bär, der seit 150 Jahren bayerischen Boden betreten hat, angefahren wurde. Schlimmer erging es dem ersten Wolf, der seit vielen Jahren über die Alpen nach Bayern einwanderte: Er wurde Verkehrsopfer in Starnberg. Auch die aus den östlichen Nachbarländern zuwandernden Elche haben bei ihrem Ausflug nach Bayern allesamt ihr Leben auf der Straße verloren. Welche Dichtekorrelation sieht hier der Statistiker? 

Die Jägerinnen und Jäger setzten sich mit viel Geld aus der eigenen Tasche für die Vermeidung von Unfällen tatkräftig ein. Es werden so genannte Duftzäune installiert, die mit ihrem Geruch das Wild von der Überquerung der Straße abhalten sollen. Besonders gut bewährt haben sich die Wildwarnreflektoren, die seit 2006 entlang von Straßen angebracht werden. Über 200 000 Stück sind allein in Bayern mittlerweile installiert und 5000 Straßen-Kilometer so gesichert. Die Kosten belaufen sich auf über eine Million Euro. Laut einer Auswertung von 400 Testrevieren ging die Zahl der nächtlichen Unfälle um 70 Prozent zurück. Aber auch Reflektoren können nicht die Sensibilität des Autofahrers ersetzen und für 100prozentige Sicherheit sorgen.

Prof. Dr. Jürgen Vocke, Präsident des Bayerischen Jagdverbandes: „Neben dem Straßenverkehr nimmt der Druck auf Wildtiere durch Erholungssuchende wie Jogger, Wanderer und Radfahrer laufend zu. Die Geocacher, die sogar noch in der Nacht unterwegs sind, schrecken das Wild auf, ohne es vielleicht zu wollen. Die Wildtiere, denen immer weniger Raum und Ruhe zum Leben bleibt, werden geradezu auf die Straßen getrieben. Um Wildunfälle gänzlich auszuschließen, bliebe nur die Möglichkeit, Bayerns Straßen mit Elektrodraht einzuzäunen oder das Wild gänzlich auszurotten. Beides kann doch keiner wollen. Um Sicherheit zu schaffen sind alle gefragt - nicht allein die Jäger.“